Ein nagelneues Charterboot mit Bugstrahlruder, Joystick-Steuerung und großem Kartenplotter wirkt für die erste eigene Bootsmiete sicherer als eine alte, zerkratzte Yacht ohne jeden Schnickschnack, dabei ist es fast immer umgekehrt. Ich habe SBF See und Binnen in der Tasche und wollte nach der Prüfung sofort das modernste Boot chartern, das ich finden konnte, bis mir schnell klar wurde, dass genau dieser Reflex die typische Falle bei der ersten Bootsmiete für Anfänger ist.
Der Denkfehler dahinter: Wer glaubt, moderne Technik nimmt einem die Arbeit ab, verwechselt Komfort mit Können. Ein Bugstrahlruder rettet dich, wenn du den Wind falsch eingeschätzt hast, erklärt dir aber nicht, warum das Heck gerade in die falsche Richtung schwingt. Meine These für die erste Bootsmiete ist deshalb simpel: kleiner, älter, ehrlicher — und dazu kommt noch ein zweiter Irrtum, der mindestens genauso oft unterschätzt wird.
Vom Mitsegler zum Verantwortlichen
Bis vor Kurzem war ich der klassische Mitsegler: gut darin, Leinen zu werfen, schlecht darin, eine Entscheidung zu treffen, die Geld oder Sicherheit betrifft. Seit ich meinen SBF See und Binnen Lernplan durchgezogen habe, hat sich das verschoben, aber die Verantwortung bei der ersten eigenen Charter fühlt sich anders an als jede Prüfungsfrage im Kurs. Auf einmal steht man nicht mehr für eine richtige Antwort gerade, sondern für eine Kaution, ein fremdes Boot und die Leute, die mit an Bord sind.
Zur Vorbereitung hatte ich mir wochenlang vorgenommen, die Seezeichen sauber zu pauken. Irgendwann druckte ich mir eine Tabelle mit den wichtigsten Zeichen aus und klebte sie an die Kühlschranktür, in der festen Überzeugung, dass beim Kaffeeholen automatisch etwas hängen bleibt. Wochenlang bin ich daran vorbeigelaufen, ohne wirklich hinzuschauen — gelernt habe ich die Zeichen am Ende ganz woanders, nämlich am echten Wasser.
Charter-Versicherung: Kasko oder Skipper-Haftpflicht?
Bei der Versicherung wird es für Anfänger schnell unübersichtlich. Man unterscheidet grob zwischen der Kaskoversicherung, die Schäden am Boot selbst abdeckt, und der Skipper-Haftpflicht, die für Schäden aufkommt, die man als Schiffsführer bei anderen verursacht. Die normale private Haftpflicht springt hier in der Regel nicht ein, weil sie für die Rolle als Schiffsführer schlicht nicht gedacht ist. Kasko-Verträge kommen fast immer mit einer Selbstbeteiligung, die man vorab als Kaution hinterlegt, und die kann empfindlich hoch ausfallen: Bei meiner ersten Charter waren es 1.500 Euro, die im schlimmsten Fall weg gewesen wären, nur weil ich beim Anlegen zu forsch gewesen wäre.
Wer sich bei den Details unsicher ist, sollte das vorher direkt mit der Charterbasis oder einer Versicherung klären, statt beim Buchen nur die günstigsten Häkchen zu setzen. Meinen Schwager Götz Halder, der seit Jahren Wochenendsegler ist, habe ich dazu ebenfalls gelöchert, und er nimmt solche Fragen trotzdem noch genauso ernst, obwohl er die Antworten vermutlich im Schlaf aufsagen könnte.
Der Trugschluss vom sichereren neuen Boot
Genau hier setzt der erste Irrtum an, von dem ich eingangs gesprochen habe. Die meisten Anfänger greifen bei der Auswahl zur neuesten, am besten ausgestatteten Yacht, weil sie glauben, dass ihnen das die Arbeit abnimmt. Ein älteres, kleineres Boot ohne Bugstrahlruder zwingt dich dagegen, den Radeffekt der Schraube zu verstehen und vorausschauend zu manövrieren, statt dich auf eine Technik zu verlassen, die im Zweifel für dich mitdenkt.
Es ist wie beim Autofahren: Wer zuerst ohne Servolenkung und Einparkhilfe fährt, entwickelt ein Gefühl für die Physik, das ihm später keine Elektronik mehr abnehmen kann. Wer irgendwann auf den Rhein wechselt, merkt das sofort, denn dort verzeiht die Strömung noch weniger als ein ruhiges Revier, weshalb sich ein Blick in die Regeln auf dem Rhein für Sportbootfahrer ohnehin lohnt, bevor man dort zum ersten Mal chartert.
Am Steg die Übergabe ernst nehmen
Der zweite Irrtum ist subtiler und hartnäckiger: die Annahme, dass der SBF-Schein in der Tasche automatisch heißt, dass man für die Übergabe am Steg bereit ist. Ein Mitlerner aus meinem Online-Kursforum, Wilfried Kupfer, hat mir das schon vorher klargemacht. Wilfried, Buchhalter aus Münster, war mir im Kurs ein gutes Stück voraus und schrieb im Forum immer sachlich und ausführlich, bis er bei seinem ersten Anlauf durch die Navigationsaufgabe fiel, obwohl er die Theorie so gut kannte wie kaum jemand sonst. Seine Erfahrung hat mir vorher schon gezeigt, dass Wissen und Können zwei verschiedene Dinge sind, und bei meiner eigenen Übergabe wurde das noch einmal ziemlich greifbar.
Beim Rundgang mit dem Mitarbeiter der Charterbasis ging es Punkt für Punkt durch die Checkliste, während ich das Charter-Boot so professionell wie möglich zu inspizieren versuchte. Bei der Ankerkette wurde mir schlagartig klar, wie wenig ich in der Theorie über den Zustand von Ausrüstung gelernt hatte, das kalte, ölige Gefühl der Kette an den Handflächen holte mich sofort aus jeder Captain-Fantasie zurück, und ich nickte trotzdem so überzeugend wie möglich. Ein Punkt, den viele Anfänger unterschätzen, ist das Logbuch: Es wirkt wie eine romantische Fußnote, ist im Versicherungsfall aber ein zentrales Dokument, weshalb es sich lohnt, vorher zu wissen, wie man ein Logbuch richtig führen sollte. Der Vercharterer schaute mich kurz skeptisch an, als ich danach fragte, wirkte am Ende aber sichtlich erleichtert, dass wenigstens dieser Punkt saß.
Was bei dieser ersten Übergabe wirklich zählt, lässt sich in wenigen Punkten zusammenfassen, auch wenn keiner davon so konkret in der Theoriestunde vorkam. Fotografiert jeden Kratzer und jede Schramme, bevor ihr ablegt, wirklich jeden, denn im Zweifel zahlt sonst ihr dafür. Prüft, wo Rettungswesten und Feuerlöscher liegen und ob die Anzahl der Westen überhaupt zur Crew passt. Schaut euch Bilgepumpe, Beleuchtung und, falls vorhanden, das Funkgerät zusammen mit dem Motor an, statt das erst auf offenem Wasser herauszufinden. Und lasst euch bei der Einweisung nicht abspeisen: Wer nicht weiß, wie der Fäkalientank entleert wird, sollte lieber einmal zu oft fragen, bevor es unterwegs unangenehm wird.
Seitenwind im Hafen zeigt, was Theorie nicht lehrt
Schwieriger als das offene Wasser war für mich das Verlassen der Box. Zwischen zwei deutlich teureren Yachten stand ich am Steuer und hoffte nur, dass jetzt bloß kein Seitenwind aufkommt, während mir die Theorie zu Lichterführung und Ausweichregeln in diesem Moment herzlich wenig half gegen das Gefühl, wie träge mehrere Tonnen Boot auf jede Bewegung reagieren.
Geübt hatten wir das vorher auf der Schlei bei Schleswig, einem ruhigeren Revier, auf dem sich An- und Ablegen ohne Strömung und Dünung trainieren lässt, bevor man sich an ein enges Hafenbecken wagt. Genau dort habe ich auch gemerkt, dass die Theorie irgendwann tatsächlich automatisch mitläuft: Ich stand am Ufer, sah einem Segler beim Wenden zu, und zu meiner eigenen Überraschung rechnete mein Kopf den neuen Kurs mit, ohne dass ich es bewusst versucht hätte.
Am Ende kam das Boot ohne Schramme aus der Box, aber nur, weil ich mir vorher genau überlegt hatte, wie ich anfahre, nicht weil moderne Technik mir das abgenommen hätte. Wer unvorbereitet in so eine Lücke fährt, zahlt am Ende drauf, entweder mit Geld oder mit den Nerven der ganzen Crew.
Fazit: Das teurere Boot ist nicht das klügere
Der Kern beider Irrtümer ist derselbe: Wer glaubt, dass Ausstattung oder ein bestandener Schein die Arbeit für einen übernehmen, wird bei der ersten eigenen Charter überrascht. Wählt für den Anfang ein Boot, das eure Fähigkeiten nicht übersteigt, klärt die Versicherung, bevor ihr online auf Bestätigen klickt, und nehmt die Übergabe am Steg genauso ernst wie die Theorieprüfung. Ein kleiner, einfacher Verdränger lehrt an einem Wochenende mehr über Seemannschaft als eine Gleiter-Yacht, die bei jeder Gasbewegung nach vorne drückt. Meine Faustregel inzwischen: Je weniger die Technik im Zweifel für mich entscheidet, desto mehr lerne ich in derselben Zeit, und genau danach wähle ich jede Charter, nicht nach Ausstattungsliste.
Zum Skipper-Profi fehlt mir nach wie vor eine Menge, aber die Plastikkarte im Portemonnaie fühlt sich inzwischen weniger nach einem bestandenen Test an und mehr nach einem Werkzeug, das ich erst durch eigene Fehlentscheidungen wirklich verstehen lerne. Und falls jemand fragt: Nein, meine Palstek-Schlinge sieht auch nach etlichen Übungen noch aus wie ein Knoten mit Bindungsangst.