
Sechzig Minuten Zeit und eine einzige Navigationsaufgabe aus fünfzehn möglichen — mehr stand nicht auf dem Deckblatt, das mir am Fühlinger See in Köln-Chorweiler in die Hand gedrückt wurde. Zwei linke Hände und ein Softwareentwickler-Alltag sind für die SBF-See-Prüfung keine offizielle Zulassungsvoraussetzung, aber genau mit dieser Ausgangslage saß ich zwischen lauter fremden Klemmbrettern und wartete auf meinen Aufruf zur Prüfung für den Sportbootführerschein See — der nächste Eintrag in meinem Segelanfänger-Tagebuch, diesmal live vom Prüfungstag statt aus dem Online-Kurs.
Kurzer Hinweis vorab: Auf dieser Seite verlinke ich gelegentlich zu Kursen, die ich selbst gerade durcharbeite. Bucht jemand darüber, bekomme ich eine Provision, der Preis für euch bleibt gleich. Empfohlen wird nur, was mir als Anfänger an echter Sportbootführerschein-Erfahrung weitergeholfen hat.
KW 12: Online gepaukt, an Land geprüft
Am Schreibtisch in meiner Ehrenfelder Altbauwohnung, zwei Monitore am Fenster, sah die Vorbereitung im März noch nach einem lösbaren Problem aus: ein Browser-Tab dauerhaft auf dem Sportbootführerschein SBF See-Binnen-Kurs offen, daneben das SBF-Lehrbuch und ein Seekartenausschnitt, die sich langsam zum festen Stapel neben der Tastatur summierten. Die Kombination aus See und Binnen ergab für mich Sinn, weil ich noch nicht wusste, ob es mich später eher auf den Rhein oder auf die Ostsee zieht — das Kombipaket nimmt einem diese Entscheidung ab, bevor man sie überhaupt treffen muss. Für die Feinarbeit an der Navigationsaufgabe hatte ich mir zusätzlich einen SBF See und Binnen Lernplan gebastelt, sauber nach Wochen sortiert.
Ein Versuch scheiterte krachend: Ich druckte eine Seezeichen-Tabelle aus und klebte sie an die Kühlschranktür, in der festen Überzeugung, ich würde sie beim Milchholen automatisch verinnerlichen. Wochenlang blieb der Blick daran hängen wie an einem Werbeplakat, ohne dass wirklich etwas davon in meinem Kopf landete. Erst als ich die Zeichen im Kurs-Quiz aktiv abrufen musste, blieben sie hängen — passives Lernen an der Kühlschranktür funktioniert bei mir schlicht nicht. Die Quizfragen selbst zwangen mich wenigstens, das Material wirklich zu verarbeiten statt es nur zu überfliegen, auch an Abenden, an denen mir die Disziplin fehlte und der Laptop-Lüfter in der stillen Wohnung lauter wirkte als die Lektion selbst.
Fünfzehn verschiedene Navigationsaufgaben liegen im Pool, aus dem die Prüfung nur eine einzige zieht, und genau davor hatte ich den meisten Respekt. Rutscht der Zirkel beim Kursdreieck ab oder verhaut man sich um zwei Grad, kippt die ganze Teilaufgabe. Dazwischen wummerten Themen wie Wetterkunde, Gezeitenberechnung und die Schallsignale aus der Kollisionsverhütungsregel durch meinen Kopf, jedes mit eigener Eselsbrücke, die ich mir am Küchentisch einprägte, ohne sie alle gleich gut zu beherrschen.
Wie der Prüfungsvormittag wirklich abläuft
Der Prüfungsraum am Fühlinger See ist nüchtern, ein Klassenzimmer mit Stuhlreihen und schlechtem Licht, keine Spur von Hafenromantik. Ringsum starren Leute genauso verkrampft auf ihre Navigationsbestecke wie ich, unterbrochen nur vom Kratzen der Bleistifte und gelegentlichem Papierrascheln. Wer wie ich zu Prüfungsangst neigt, merkt in genau diesem Moment, wie das Gehirn kurz auf Standby schaltet.
Einen Tipp hatte ich mir aus dem Kursforum abgeschaut: Wilfried Kupfer, mit dem ich dort nur über Beiträge in Kontakt stehe, postet regelmäßig einen kleinen Wochentipp — meistens brauchbar, manchmal auch für absolute Anfänger eine Nummer zu detailliert. Seine Empfehlung, erst die Multiple-Choice-Fragen abzuarbeiten und sich danach an die Karte zu wagen, hat bei mir gut funktioniert: Der Kopf kommt in Fahrt, bevor die schwierigste Teilaufgabe drankommt.
Die größte Hürde blieb trotzdem die Navigationsaufgabe selbst. Ein falscher Kopplungsort oder eine krumme Kursberechnung kostet dort schnell die gesamte Teilaufgabe, und diese Präzision unter Beobachtung ist etwas völlig anderes als dieselbe Übung abends allein am Küchentisch.
Am Steg zählt nur noch das Boot
Am Steg zählte irgendwann nur noch das Boot, nicht mehr die App vom Vorabend. Der leicht ölige Griff der Reling und das ferne Tuckern eines Außenborders begleiteten mich, während ich auf meinen Aufruf wartete. Sobald ein Motor eine bestimmte Leistungsschwelle überschreitet, braucht man auf Seeschifffahrtsstraßen genau diesen Schein, und der Prüfer wollte in erster Linie eines sehen: dass von mir keine Gefahr für andere ausgeht.
Perfektion suchte er nicht, eher Sicherheit und einen kühlen Kopf. Immer wieder achtete er auf den Rundumblick, bevor überhaupt ein Manöver begann — wer hier Vorfahrt hat und wer warten muss, war Teil jeder einzelnen Bewegung, nicht nur eine Quizfrage aus dem Theorieteil. Eine Böe drückte das Boot beim Anlegen unerwartet zur Seite, und für einen Moment blockierte mein Kopf komplett. Götz, mein Schwager, hätte das vermutlich mit einem Kurvenmanöver aus dem Motorsport erklärt, so wie er es immer tut, wenn Segelbegriffe bei mir nicht ankommen — diesmal musste ich ohne seine Analogie auskommen, atmete durch und korrigierte ruhig gegen den Wind.
Knoten unter Beobachtung: mehr Nerven als Übung
Noch bevor ich überhaupt ans Ruder durfte, kamen die Knoten dran. Zu Hause hatte ich das an der Knotentafel auf dem Küchentisch geübt, zwischen Tauresten, die sich hartnäckig zwischen den Besteckteilen versteckten, hundertmal, dachte ich, bis der Prüfer in der dunkelblauen Weste mir auf die Finger schaute und ich beim Palstek dreimal neu ansetzen musste, weil die Schlaufe sich partout nicht formen wollte. Meine Finger hielten sie fest wie einen Kabelsalat unter meinem Schreibtisch.
Gebracht hat mir in diesem Moment ausgerechnet eine andere Erinnerung: In der vierten Kalenderwoche stand ich an einer Rheinfähre und erkannte das grüne Steuerbordlicht eines Schubverbands, noch bevor ich bewusst darüber nachdachte — seitdem sitzt der Unterschied zwischen den beiden Seiten so fest, dass ich nicht mal mehr kurz zögere. Am Steg half mir genau dieses eine sichere Wissen, den Rest ruhiger anzugehen.
Nicht nur die Form der Knoten zählt, auch ihre Verwendung muss man erklären können. Wer den Webeleinstek zwar sauber steckt, aber nicht sagen kann, wofür man ihn braucht, erntet vom Prüfer skeptische Blicke. Falls es bei euch einmal nicht auf Anhieb klappt: Ich habe meine Erfahrungen zur SBF See Prüfung nicht bestanden in einem eigenen Eintrag gesammelt, denn die meisten Prüfer sind menschlich, solange das Sicherheitsverständnis stimmt.
Mensch über Bord: Wenn der Kopf kurz aussetzt
Der eigentliche Panikmoment kam mit dem Rettungsmanöver. Ein Adrenalinstoß schoss durch mich, als der Prüfer „Mensch über Bord" rief und die gelbe Boje ins Wasser warf, für eine Millisekunde hatte mein Kopf sämtliche Manöverdiagramme gelöscht, die ich mir eingeprägt hatte. Auskuppeln, Wende fahren oder direkt anfahren?
Laut vorsagen half gegen das Blockieren: „Heck wegdrehen, Ausguck halten, Rettungsmittel bereit machen." Elegant war die Kurve nicht, die Boje schlug ziemlich hart gegen die Bordwand, aber ich hatte sie sicher erreicht, ohne über sie hinwegzufahren. Genau das zählt bei diesem Manöver mehr als jede saubere Linie.
Was am Schluss auf dem Papier steht
Diesen Eintrag tippe ich abends auf der Couch, Laptop-Tab immer noch auf der letzten Kurslektion offen, während die Beine langsam auftauen. Als ich am Nachmittag wieder festen Boden unter den Füßen hatte und der Prüfer den vorläufigen Schein unterschrieb, fiel etwas ab, das sich seit März wie ein Rucksack voller Steine angefühlt hatte. Die Theorie-App legt die Grundlage und ist für den Feierabend eines Softwareentwicklers Gold wert, aber am Wasser schreibt jemand anderes die Regeln.
Wer die Theorie schon in der Tasche hat, sollte mit der praktischen Prüfung nicht ewig warten — Wissen rostet, wenn man es zu lange liegen lässt. In diesem einen Jahr zwischen dem ersten Ostsee-Wochenende mit Götz und der Unterschrift am Fühlinger See habe ich vor allem eine Lehre mitgenommen: Nicht das Talent entscheidet über den Tag, sondern ob man unter Druck ruhig bleibt und die eigenen Schritte laut genug ausspricht, um sie selbst zu hören. Zwei linke Hände reichen aus, wenn die Nerven halten.
Steht ihr selbst gerade vor der Entscheidung: Der Sportbootführerschein SBF See-Binnen Kombikurs spart Zeit und Nerven, weil man beide Reviere gleichzeitig lernt, auch wenn ich selbst erst mal nur auf die Ostsee schiele. Für die Praxis solltet ihr euch unbedingt eine Schule vor Ort suchen, die euch die Angst vor echten Wellen nimmt — kein Kurs-Quiz ersetzt das Gefühl, wenn der Wind das erste Mal richtig ins Boot drückt.