
Vier Fragen kriege ich neuerdings häufiger gestellt als alle anderen zusammen, sobald jemand hört, dass ich mich als kompletter SBF-Anfänger nebenberuflich in den Sportbootführerschein See einarbeite: wie man ein Kommando versteht, das man beim ersten Mal nicht kapiert, ob Handzeichen an Bord überhaupt reichen, wann die Stimme genügt und wann es Funk braucht, und wie man Seemannschaft übt, ohne selbst ein Boot zu besitzen. Alle vier drehen sich im Kern um dasselbe: nautische Begriffe sind hübsch, aber ohne saubere Kommunikation an Bord nützen sie niemandem etwas.
Was mache ich, wenn ich ein Kommando nicht sofort verstehe?
Zugeben, dass man etwas nicht verstanden hat, kostet in der Theorie nichts – auf dem Wasser schon eher etwas Stolz, aber genau das ist der Punkt. Im Kurs lernte ich das Prinzip der geschlossenen Rückmeldung: Ein Kommando wird nicht stillschweigend ausgeführt, sondern zuerst laut wiederholt. Sagt der Skipper „Klar zum Ablegen", kommt als Antwort „Ist klar zum Ablegen" zurück, und erst danach passiert etwas. Bleibt die Bestätigung aus, bleibt auch die Handlung aus – das ist die eigentliche Regel, nicht nur eine nette Geste.
Genau da liegt die Antwort auf die erste Frage. Wer ein Kommando nicht versteht, sagt das sofort und deutlich, statt zu nicken und zu hoffen, dass sich der Rest von selbst klärt. Ein falsch verstandenes „Klar" ist bei einem Softwareprojekt ärgerlich, an Bord kann es bedeuten, dass jemand eine Leine löst, während der Motor noch nicht bereit ist. Diese eine Regel – lieber einmal zu oft nachfragen als einmal zu wenig – ist für mich der wichtigste Satz aus der gesamten Theorie.
Steuerbord und Backbord: nautische Begriffe, die zuerst sitzen müssen
Ohne feste Begriffe für links und rechts fällt jede Rückmeldung in sich zusammen, sobald sich jemand zum Heck umdreht. Steuerbord und Backbord bleiben dagegen unabhängig von der Blickrichtung immer an derselben Bordseite – deshalb gehören sie zu den ersten Vokabeln, die man wirklich auswendig braucht, bevor man über irgendetwas Kompliziertes redet.
Neulich habe ich beim Frühstück mit einer Lichterführungstabelle vor mir jede einzelne Positionslaterne auf Anhieb der richtigen Situation zugeordnet, ohne ein einziges Mal nachzuschlagen, ein kleiner Moment, der mir zeigte, dass Boote sich auch nachts und ganz ohne Worte etwas mitteilen können. Wie man diese Lichter im Dunkeln tatsächlich liest, ist allerdings ein eigenes Thema für sich, das ich hier nicht aufrolle.
Handzeichen reichen an Bord selten aus
Ein Daumen nach oben kann „alles in Ordnung" heißen oder „zieh die Leine hoch", und genau darin liegt das Problem. Bei Gegenlicht, Gischt oder wenn jemand gerade mit dem Rücken zu einem steht, verschwindet ein ausgestreckter Arm schneller aus dem Blickfeld, als man denkt.
Als Faustregel gilt bei mir inzwischen: Handzeichen taugen für einfache, vorher abgesprochene Bestätigungen auf kurze Distanz, aber nicht für komplexe Manöver wie das Anlegen. Sobald Distanz, Lärm oder schlechte Sicht dazukommen, ersetzt ein knapper Zuruf oder Funkspruch jedes Winken – bevor man sich überhaupt fragt, welche Kleidung für Sportboot-Anfänger sinnvoll ist, sollte diese Grundregel sitzen, sonst bringt auch die beste Ausrüstung nichts gegen ein Missverständnis an Deck.
Zuruf oder Funk: Wann reicht die Stimme?
Auf dem eigenen Boot, bei überschaubarem Abstand und ohne viel Umgebungslärm, reicht ein klar ausgesprochenes Kommando völlig aus, vorausgesetzt, beide Seiten benutzen dieselben Begriffe und nicht die eigene Alltagssprache. Sobald zwei Boote sich aber nicht mehr zurufen können, weil der Abstand oder der Motor dazwischenfunkt, übernimmt der Funk, und dort zählt jedes Wort doppelt, weil man sich nicht einfach durch Zeigen verständlich machen kann.
Am Rheinufer in Deutz beobachte ich inzwischen ganz gern, wie unterschiedlich Crews beim Anlegen miteinander reden. Manche brüllen sich quer über das Deck an, andere sagen fast nichts und legen trotzdem sauber an, weil vorher klar war, wer was macht. Wer speziell auf dem Rhein unterwegs ist, kommt an den Regeln auf dem Rhein für Sportbootfahrer ohnehin nicht vorbei, weil die Berufsschifffahrt dort wenig Geduld mit unklaren Signalen hat – welche genauen Schallsignale und Vorfahrtsregeln dabei greifen, ist wieder ein eigenes Kapitel, das andernorts ausführlicher drankommt. Ein solides Grundvokabular an nautischen Begriffen ist trotzdem die Voraussetzung dafür, dass man in so einer Situation überhaupt mitreden kann.
Seemannschaft üben, auch ohne eigenes Boot
Mein Nachbar Xaver Dietenbach hat vor vier Jahren seinen SBF Binnen gemacht und ist mir im Treppenhaus über den Weg gelaufen, das Lehrbuch sichtbar unter dem Arm. Er meinte nur, ich solle nicht auf den ersten eigenen Bootstag warten, um Kommunikation zu üben, einfach runter ans Ufer gehen und zuhören, wie echte Crews sich beim Anlegen verständigen, sagt mehr als jede Theorie-Lektion.
Diesen Tipp nehme ich inzwischen ernst. Am Ufer erkennt man ziemlich schnell, welche Crew ihre Kommandos abgesprochen hat und welche improvisiert – die Betonnung und Beschilderung am Wasser selbst kommuniziert übrigens genauso permanent, nur eben stumm, was für einen Anfänger fast leichter zu lesen ist als hektische Zurufe.
Ruhe schlägt Lautstärke – auch im Notfall
Gerade in einer echten Notsituation, etwa wenn jemand über Bord geht, entscheidet nicht die Lautstärke, sondern ob die Kommandokette sitzt. Das genaue Manöver dafür übe ich noch nicht praktisch, weil das eine eigene Übungssache mit Boot ist, aber die Kommunikationsseite davon habe ich mir schon eingeprägt: kurze, eindeutige Ansagen statt allgemeinem Geschrei, und jede Ansage wird bestätigt, bevor die nächste kommt.
Diese Regel lässt sich sogar von Land aus prüfen: Eine Crew, die ruhig und mit wenigen Worten arbeitet, hat ihre Kommunikation im Griff. Eine Crew, die viel ruft und trotzdem durcheinanderkommt, hat es eben nicht – Lautstärke ersetzt keine Klarheit.
Vokabeln lernen, bevor der Stress sie wegbläst
Eine Karteikarten-App, die ich mir eigens für die Theorie heruntergeladen hatte, deckte längst nicht alle amtlichen Prüfungsfragen ab, und irgendwann habe ich sie wieder gelöscht und bin auf altmodisches Handschriftliches umgestiegen. Seitdem stapeln sich auf meinem Schreibtisch in der Ehrenfelder Altbauwohnung das SBF-Lehrbuch und ein zerknitterter Seekartenausschnitt, über den beim allerersten Übungsversuch der Bleistift ordentlich abgerutscht ist, die Schrammen sieht man heute noch, wenn man das Blatt gegen das Licht hält. Der zweite Bildschirm direkt daneben, eigentlich für Code gedacht, zeigt inzwischen öfter Kartenausschnitte als Quellcode.
Auf dem Küchentisch ist inzwischen eine kleine Knotenwerkstatt entstanden, Tau-Reste inklusive, während im Laptop-Tab daneben permanent der Online-Kurs offen bleibt, für den schnellen Blick zwischendurch. Mein Kollege Ingo Bremer, der mit Wassersport rein gar nichts am Hut hat und lieber mit dem Mountainbike unterwegs ist, hielt die ganze Sache anfangs für einen Spleen und hat mir neulich zum Spaß heimlich einen kleinen Knoten-Karabiner auf den Schreibtisch gestellt, als stille Ansage, dass er das Thema inzwischen zumindest amüsant findet.
Für die sechs Knoten, die in der praktischen Prüfung verlangt werden, reserviere ich mir ohnehin eine eigene Übungsrunde, das gehört nicht in diesen Text. Wichtiger ist an dieser Stelle, dass ein nautischer Begriff erst dann wirklich sitzt, wenn man ihn einmal unter echtem Zeitdruck gebraucht hat und nicht nur auf einer Karteikarte gelesen.
Ein nautisches Logbuch richtig zu führen, hilft dabei mehr, als es zunächst klingt: Wer gezwungen ist, einen Vorfall in zwei knappen Sätzen zusammenzufassen, übt genau die Kürze und Präzision, die am Funk oder beim Kommando an Bord den Unterschied macht.
Auf alle vier Fragen vom Anfang läuft es auf dasselbe hinaus: Kommunikation auf dem Wasser ist kein Talent, sondern eine Gewohnheit, die man sich in kleinen, oft unspektakulären Situationen aneignet – am Küchentisch, im Treppenhaus, am Ufer. Wie man sich bei einem Ausweichmanöver exakt nach den Kollisionsverhütungsregeln meldet, ist wieder ein eigenes, größeres Kapitel, das ich hier bewusst nicht aufdrösle. Für den Anfang reicht die Erkenntnis, dass klare, bestätigte Worte mehr Sicherheit geben als lautes Rufen oder ein gut gemeintes Handzeichen, und dass sich diese Klarheit üben lässt, lange bevor man selbst am Steuer steht.