Erste Hilfe auf dem Boot: Was ich als Anfänger für den Notfall lerne

2026.10.10
Erste Hilfe auf dem Boot: Was ich als Anfänger für den Notfall lerne

Es ist weit nach Mitternacht in meiner Kölner Wohnung, und während draußen die Stadt langsam zur Ruhe kommt, starre ich auf meinen Dual-Monitor-Setup. Das kalte, klinische Leuchten der Bildschirme beleuchtet meine Notizen, während ich mich durch das Modul "Erste Hilfe auf See" meines Online-SBF-Kurses quäle. Ich bin Softwareentwickler; ich kann Code debuggen, Deadlocks lösen und Server-Infrastrukturen hochziehen, aber die Vorstellung, eine blutende Platzwunde auf einem schwankenden Deck zu versorgen, lässt meine Hände feucht werden. Meine Hände, die im Alltag meist nur eine Maus und eine mechanische Tastatur bedienen, wirken in diesem Moment wie zwei linke Fremdkörper.

KW 12: Theorie-Lektion 4 – Von der Tastatur zum Rettungskreuzer

Eigentlich fing alles ganz entspannt an. Ich hatte mich im März 2026 für den Online-Kurs zum SBF See und Binnen Lernmaterial angemeldet, motiviert durch diesen einen Wochenendtörn an der Ostsee Anfang des Jahres. Mein Schwager hatte mich mitgenommen, und damals war alles nur Sonne, Wind und ein kühles Getränk in der Hand. Doch jetzt, wo ich tiefer in die Theorie einsteige, kommen die "Was-wäre-wenn"-Szenarien hoch. Was, wenn jemand über Bord geht? Was, wenn der Kocher Feuer fängt?

Plötzlich spüre ich ein Ziehen in der Brust – eine Mischung aus Beklemmung und dem peinlichen Eingeständnis, dass ich auf dem Boot meines Schwagers nicht einmal gewusst hätte, wo der Verbandskasten liegt. Ich war der klassische Passagier: ahnungslos und im Ernstfall wahrscheinlich eher eine Last als eine Hilfe. Das soll sich jetzt ändern. Der Übergang vom "Mitsegler" zum "angehenden Skipper" findet gerade hier, zwischen Kaffeetassen und Code-Editor, statt.

Ein maritimer Verbandskasten nach DIN-Norm neben einer Seekarte auf einem Schreibtisch.

Die maritime Realität: Warum das Pflaster allein nicht reicht

In der Theorie-Lektion lerne ich schnell, dass Erste Hilfe auf dem Wasser eine ganz andere Dynamik hat als an Land. Wenn ich in Köln-Ehrenfeld umknicke, ist der Rettungswagen in wenigen Minuten da. Auf dem Wasser bin ich der Ersthelfer, und die "Ambulanz" ist vielleicht ein Rettungskreuzer der DGzRS, der 20 Minuten oder länger braucht. Diese zeitliche Lücke muss ich füllen können.

Ein zentraler Punkt ist die Ausrüstung. Für Sportboote wird oft die Norm DIN 13157 herangezogen – das ist der Standard für kleinere Verbandskästen, wie man sie auch aus Betrieben kennt. Aber ich lerne auch: Salz und Wasser sind die Feinde jedes Heftpflasters. Ein einfaches Pflaster aus der Drogerie hält auf nasser, salziger Haut genau drei Sekunden. Man braucht spezielles, wasserfestes Material und vor allem Dinge, die man im Bürojob nie auf dem Schirm hat – wie Rettungsdecken gegen die Unterkühlung.

Gefahrenzone Wassertemperatur

Ein Thema, das mich besonders gruselt, ist die Hypothermie. Ich lese gerade, dass bei einer Wassertemperatur von unter 15°C das Risiko einer schnellen Unterkühlung massiv ansteigt. Das Wasser entzieht dem Körper die Wärme so viel schneller als die Luft. In meinem Kurs sehe ich Tabellen, die zeigen, wie wenig Zeit man eigentlich hat, wenn man im Frühjahr oder Herbst unfreiwillig baden geht. Da hilft auch die beste Kleidung nur bedingt, weshalb ich mir parallel schon Gedanken darüber mache, welche Rettungsweste für Motorboot Anfänger eigentlich die sicherste Wahl ist. Es geht nicht nur darum, oben zu bleiben, sondern auch darum, so wenig Energie wie möglich zu verlieren.

Mayday, Mayday, Mayday – Hilfe rufen will gelernt sein

Später im August, als die Nächte noch warm waren, saß ich an dem Modul für Funk und Notzeichen. Es ist fast wie beim Programmieren: Es gibt ein festes Protokoll, von dem man nicht abweichen darf. Wenn es wirklich brennt (im wahrsten Sinne des Wortes), wird der Notruf "Mayday" abgesetzt. Und zwar nicht nur einmal, sondern exakt dreimal hintereinander am Anfang der Nachricht. Das ist kein Skipper-Garn, sondern internationale Vorschrift auf dem VHF Channel 16, der internationalen Notfrequenz.

Ich übe das laut in meinem Wohnzimmer: "Mayday, Mayday, Mayday...". Mein Nachbar denkt wahrscheinlich, ich hätte den Verstand verloren. Aber dieses repetitive Training hilft mir, die Panik im Kopf zu sortieren. Ich lerne, dass man seine Position (Länge und Breite) durchgeben muss – etwas, das ich bisher immer nur Google Maps überlassen habe. Dass die DGzRS rein durch freiwillige Spenden finanziert wird, war mir vorher auch nicht klar. Es gibt einem ein ganz anderes Gefühl von Respekt gegenüber den Leuten, die da draußen bei Windstärke 8 ihren Job machen.

Ein Smartphone mit Funk-App und ein Notizblock mit Mayday-Notizen für den SBF-Kurs.

Der "Aha-Moment" bei der stabilen Seitenlage

An einem verregneten Wochenende im September habe ich mich an die praktischen Übungen gemacht – zumindest so weit man das alleine im Wohnzimmer kann. Die stabile Seitenlage ist ja ein Klassiker aus jedem Führerscheinkurs. Aber auf einem Boot? Wenn das Boot rollt und stampft, rollt der Patient einfach mit. Die maritime Nuance hier: Man muss den Patienten zusätzlich sichern, vielleicht mit Kissen verkeilen oder ihn so positionieren, dass er nicht durch die ganze Kabine schlittert. Ich habe das mit einer Rolle Küchenpapier und ein paar Sofakissen simuliert. Mein "Patient" sah danach eher aus wie ein missglücktes Kunstprojekt – oder wie ein Knoten, der eher an ein verfilztes Kopfhörerkabel erinnert als an seemännische Präzision.

Ein wichtiger Tipp, der in keinem Standard-Handbuch so explizit steht, den ich mir aber dick rot markiert habe: Wo lagert man den Erste-Hilfe-Kasten eigentlich? Die meisten verstecken ihn tief in einem Schapp (einem Schrank) in der Kajüte. Aber was, wenn es genau dort brennt? Oder wenn das Boot kentert und der Zugang blockiert ist? Mein Plan für später: Das Set muss an einen Ort, der von überall erreichbar ist, am besten in einer wasserdichten Tasche, die man im Notfall einfach greifen kann. Ähnlich wie bei einer Brückendurchfahrt mit dem Sportboot, bei der man auch vorher genau wissen muss, ob alles passt, muss auch der Zugriff auf das medizinische Material blind funktionieren.

Fazit: Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für den Softwareentwickler

Ich bin kein Arzt, ich bin kein Sanitäter und ich habe keinerlei medizinische Ausbildung. Ich bin ein 33-jähriger Typ, der normalerweise Fehlermeldungen in Logfiles sucht. Aber dieses Modul hat mir gezeigt, dass Verantwortung auf See nicht beim Steuern des Boots aufhört. Ich fühle mich jetzt ein kleines bisschen weniger wie ein hilfloser Tourist. Auch wenn ich hoffe, dass ich niemals ein Mayday auf Kanal 16 absetzen muss, weiß ich jetzt zumindest, was zu tun ist.

Natürlich ersetzt ein Online-Kurs keinen echten Erste-Hilfe-Lehrgang vor Ort, und ich kann jedem nur raten, das Wissen regelmäßig bei Profis aufzufrischen. Im Zweifelsfall sollte man immer einen Arzt konsultieren, wenn etwas passiert ist. Aber für den Moment, hier an meinem Schreibtisch in Köln, schließe ich den Laptop mit einem Gefühl von Demut. Der Weg zum Skipper ist lang, und die Erste Hilfe ist ein Baustein davon, der vielleicht wichtiger ist als jeder perfekte Anleger. Ich weiß jetzt, wo die Rettungsdecke hinkommt und wie ich um Hilfe rufe. Und das ist für einen Anfänger mit zwei linken Händen schon mal ein ziemlich guter Anfang.

Mal kurz: Kurz: Was du hier liest, ist meine eigene Sicht -- keine Beratung. Hol dir bei Fragen zu deiner Gesundheit oder deinem Geld immer den Rat einer Fachperson, die deinen Fall wirklich kennt.